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Beweglichkeit bis ins hohe Alter

Prim. Doz. Dr. Peter Peichl ist Vorstand der Internen Abteilungen im Evangelischen Krankenhaus Wien und gibt Aufschluss über differenzierte Rheuma-Diagnose.

Prim. Doz. Dr. Peter Peichl, MSc

Es ist das Ziel jeder Behandlung, die Selbständigkeit im täglichen Alltag bis ins hohe Alter zu erhalten.

Rheuma ist eine Sammelbezeichnung für ganz verschiedene Krankheitsbilder des Stütz- und Bewegungsapparates (Muskeln, Knochen, Gelenke) und des Immunsystems (ca. 600 verschiedene Krankheitsbilder ). Schmerzen in Gelenken und Muskeln, steife Knie, Rückenschmerzen, geschwollene und rote Gelenke: das sind typische Beschwerden.
Unser Bewegungsapparat ist von Natur aus für große Belastungen gebaut. Trotzdem kommt es im Laufe des Lebens durch Abnützungen aber auch durch entzündliche rheumatische Erkrankungen zu schmerzhaften Schädigungen der Gelenke. Zum Teil liegt es auch daran, dass wir unseren Bewegungsapparat in der heutigen Zeit unterfordern. Auf Grund moderner Fortbewegungsmittel und vor allem auch wegen sitzender Tätigkeiten neigen wir zu Muskelschwund.
Die Muskulatur ist wie ein Schutz für unsere Gelenke. Auch bereits geschädigte Gelenke profitieren von dieser Schutzfunktion. Meist leiden Frauen im Alter mehr an Gelenksschmerzen als Männer, da sie, v.a. nach dem Wechsel, viel Muskulatur verlieren. Chronische Schmerzen verursachen Verkrampfungen in der Muskulatur. Diese permanente Spannung bedeutet Arbeit für die Muskeln und somit keine Möglichkeit zur Erholung, wodurch es mit der Zeit zu einer Ermüdung und Verringerung der Muskelmasse kommt.
Rheumatische Erkrankungen wie die Arthrose gehen in der Regel mit Schmerzen und Bewegungseinschränkungen einher, die die Lebensqualität der Betroffenen massiv einschränken. Doch wer an Arthrose leidet, sollte sich dennoch nicht schonen! Entgegen der landläufigen Meinung sollte gezielte und regelmäßige Bewegung sogar ein fixer Bestandteil jeder Arthrose-Therapie sein.
Wichtig ist das frühe Erkennen einer rheumatischen Erkrankung. Aber genau das ist oft die Schwierigkeit. Die Beschwerden beginnen meistens ganz langsam und steigern sich nur allmählich. Oft denken deshalb viele zu Beginn: "Die Steifigkeit geht schon wieder vorbei." oder "Ich hätte nicht so schwer heben sollen." So muss der Arzt bei vielen "alltäglichen" Beschwerden entscheiden, ob sie vorübergehende Erscheinungen oder der Beginn einer rheumatischen Erkrankung sind. Die frühzeitige Erkennung ist aber wichtig, um so früh wie möglich mit der Behandlung zu beginnen.
Mit gezieltem regelmäßigen Training wirkt man dem Muskelschwund entgegen und kann Rückenschmerzen, Schmerzen durch Osteoporose (Knochenschwund) aber auch rheumatische Probleme deutlich verbessern.
Ziel ist es, vor allem im höheren Alter, die Selbstständigkeit im täglichen Leben zu erhalten. Bei der Diagnose einer Erkrankung des Bewegungsapparates sollte also möglichst bald mit einer entsprechenden Trainingstherapie begonnen werden. Beim sogenannten Hypertrophietraining (Training zur Vermehrung der Muskelmasse) zählen Übungen mit wenigen Wiederholungen jedoch viel Widerstand. Im Prinzip ist das Training ähnlich dem der Bodybuilder ähnlich. Auch eine entsprechend angepasste Ernährung (Eiweißreich) kann den Muskelaufbau gemeinsam mit dem Training unterstützen.
Im akuten Krankheitsschub, beispielsweise bei chronischer Polyarthritis, kann körperliche Betätigung aber auch die Gelenkszerstörung fördern. Erst nach entsprechender Therapie kann mit einem Training begonnen werden. Daher ist die Zusammenarbeit mit einem Arzt, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten oder auch Sportwissenschafter zu empfehlen.
Auch ausgewogene Ernährung, viel Flüssigkeit und eine knorpelschützende Gelenkskur, z.B. mit der Substanz Chondroitinsulfat helfen mit, die Beweglichkeit und Lebensqualität zu erhalten. Chondroitinsulfat ist ein körpereigener Stoff, der für die Elastizität und Stoßdämpferfunktion des Knorpels verantwortlich ist. Durch die regelmäßige Zufuhr von Chondroitinsulfat kann der Knorpelabbau verzögert werden und in weiterer folge Schmerz und Beweglichkeit zurück gewonnen werden.
Schmerzlinderung und Entzündungshemmung stehen im Vordergrund einer Pharmakotherapie, wobei eine aktivierte oder eine schmerzhafte, dekompensierte Arthrose wieder in den latenten (stummen, schmerzfreien) Zustand überführt werden soll. Dieses therapeutische Ziel lässt sich fast immer gut durch den Einsatz von Analgetika, nichtsteroidalen Antiphlogistika (NSAR) oder i.a. applizierte Glukokortikoiden erreichen.
Das Hauptproblem bei der Gabe von NSAR ist deren gastrointestinale Toxizität, für die, insbesondere bei Risikogruppen, eine prophylaktische Medikation (z. B. gleichzeitige Gabe von PPIs) in Erwägung zu ziehen ist.
Arthrosepatienten benötigen häufig analgetische beziehungsweise analgetisch-antiphlogistische Medikationen. Diese werden meistens limitiert eingesetzt und gelten a priori selten als Dauermedikation. Generell ist es sinnvoll, dass analgetisch wirksame Substanzen ein Wirkprofil über 24 Stunden aufweisen. Zusätzlich ist es manches Mal notwendig, extreme Schmerzspitzen mit analgetisch wirksamen Substanzen, abhängig von deren Pharmakokinetik und Dynamik, rasch zu behandeln.

Wenn zur Arthrose auch noch eine Entzündung kommt (Propfarthritis!!)
Einfache klinische Untersuchungen helfen, die Arthrose von der chronischen Polyarthritis zu unterscheiden

1. Morgenschmerz ist ganz typisch für die chronische Polyarthritis

2. heftige Beschwerden ? der ?kaum erträgliche Schmerz? findet sich bei der Gicht, dem septischem Gelenk oder der reaktiven Arthritis, selten aber bei rheumatoider Arthritis.

3.?Schmerzen überall?, sprechen gegen ein entzündliches Geschehen und finden sich eher bei Fibromyalgie, Kollagenosen oder einer somatoformen Störung.

Die Arthrose beißt nur die Endgelenke
Belastungsschmerz ? ist typisch für Arthrose ? nächtliche und morgendliche Schmerzen mit Morgensteifigkeit über eine Stunde ?sind dagegen typisch für ein entzündliches Geschehen. Nach einer Anlaufphase gehen die Symptome im Lauf des Tages zurück. Weiteren differenzialdiagnostischen Aufschluss gibt die Lokalisation der Beschwerden: Bei rheumatoider Arthritis sind neben den Handgelenken häufig Finger- und Zehen-Grund und die Sprunggelenke betroffen.
Mittel- und Endgelenke plagen eher bei Arthrose, während der Befall eines ganzen Fingerstrahls die Psoriasis-Arthritis kennzeichnet.
Wenige Untersuchungen erhärten schließlich den Verdacht einer Entzündung, auch dann, wenn das Gelenk nur wenig geschwollen ist.
Sehr empfindlich sind das Gaenslen-Zeichen (Querdruckschmerz der Fingergrundgelenke oder Vorfüße) und der Flexionsschmerz (Beugung) im Handgelenk.
Gerade die Fußgelenke können oft bei einer Polyarthritis im höheren Alter noch vor den Händen betroffen sein. Daher ist bei der klinischen Untersuchung besonders darauf zu achten.
Ein weiteres typisches Zeichen für eine Gelenksentzündung (Arthritis): das plötzliche Streckdefizit im Ellbogen. Und nicht zu vergessen, die Hüfte: eine eingeschränkte Innenrotation in der Hüfte (< 30 Grad) hilft zwar nicht, zwischen Arthritis und Arthrose zu unterscheiden, stellt aber ein Zeichen für die frühe Hüftbeteiligung dar.
Röntgen mit dem Hinweis einer beginnenden Knochenzerstörung (Usuren) und spezifische Laboruntersuchungen (Rheumafaktoren und anti CCP Antikörper) komplementieren die Untersuchungen und führen rasch zu einer klaren Diagnose.

Schlussbetrachtung
Rheuma galt früher als ein "Schicksal", an dem man ja doch nichts ändern kann. Diese Zeit ist lange vorbei. Zwar sind die meisten rheumatischen Erkrankungen nicht vollständig heilbar, aber die Behandlung bietet heute vielfältige Möglichkeiten, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

SPA WORLD Business, Ausgabe 6/2009

11.01.2010 09:55 Alter: 240 Tage